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Platzhirsche versemmeln Digitalisierung SmartGarden

Digitalisierung ist aktuell branchenübergreifend DAS Thema. Viele Branchen wie z.B. die Automobilindustrie tun sich hier noch enorm schwer. Wie steht es um die Digitalisierungsmöglichkeiten im eigenen Garten?


Digitalisierung als ’next big thing‘?!?

Digitalisierung ist aktuell branchenübergreifend der ganz große Hype, nach Meinung vieler Experten die nächste Revolution, eine, die die Kräfteverhältnisse in vielen großen Branchen auf den Kopf stellen wird.

Im Fokus der Medien steht aktuell vorallem die Automobilbranche: hier kämpfen die bisherigen Platzhirsche wie BMW, Daimler und Audi plötzlich gegen StartUps wie Tesla, Digitalmonster wie Google und Apple oder Fahrdienste wie Uber. Unsere deutschen Automobilhersteller bekommen plötzlich namhafte Konkurrenz von Unternehmen, die die Etablierten bislang so rein gar nicht auf dem Zettel hatten, Unternehmen, die sich aber meist sehr gut in der digitalen Welt auskennen.

Die Frage, die bleibt: warum kommt es erst jetzt zu dieser digitalen Revolution? Reden wir hier nicht von Dingen, die technisch auch schon vor 10, vielleicht sogar 20 Jahren locker möglich gewesen wären?

Ein Blick in die Historie zeigt: es gibt …

  • seit 1941 den Computer (Z3 / Konrad Zuse)
  • seit 1958 das mobile Netz (A-Netz)
  • seit 1969 das Internet (Arpanet / Arpa)
  • seit 1973 das Handy (DynaTAC / Motorola)
  • seit 1976 den Laptop (Xerox NoteTaker / Xerox PARC)

2014 beim Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin hat Kanzlerin Angela Merkel gesagt: ‚Das Internet ist für uns alle Neuland‘. Sie wurde dafür verlacht. Zurecht. Aber 2017 die digitale Revolution einläuten? Klingt das anlässlich obiger Historie nicht ähnlich lächerlich?

Schauen wir uns die wesentlichen digitalen Meilensteine der jüngeren Vergangenheit an:

  • seit 2002 das Internet der Dinge (internet-of-things)
  • seit 2006 Clouddienste als Weiterentwicklung von Webservern
  • seit 2007 das iPhone (Smartphone) als Weiterentwicklung des Handys
  • seit 2010 das iPad (Tablet) als smarte Form des Laptops

Mehr und mehr ‚Dinge‘ (Wetterstationen, Lampen, Steckdosen, Rasenmäher, …) werden internetfähig, lassen sich also über das Internet mit smarten Geräten (Smartphone, Tablet) abfragen und steuern. Das ist technisch zwar schon seit Jahren möglich, also keine Revolution, aber erreicht erst jetzt mit Wucht den Massenmarkt, also den Endkunden.

Statistiken belegen das: aktuell gibt es ca. 10 Internet-fähige Geräte pro Haushalt. Die meisten dieser Produkte haben smarte Funktionen, Tendenz stark steigend. Wir sind so von immer mehr Sensoren umgeben, die Daten sammeln, und von smarten Endgeräten, über die wir Daten abfragen und Befehle an Aktoren absetzen können.

Neben der Internet-Fähigkeit von Produkten erfordert die Digitalisierung vorallem das Umdenken der Produkt-Hersteller von der Besitz-Denke (=geschlossenes System) hin zur Sharing-Denke (=offenes System). Das Zusammenführen möglichst vieler Produkte unterschiedlicher Hersteller ermöglicht neue, vernetzte Funktionen, die beim Endkunden einen echten Mehrwert schaffen. So ist es beispielsweise bei mir daheim heute bereits möglich, dass ich über den Sprachassistenten von Amazon (Alexa) mit einem Sprachbefehl gleichzeitig mehrere Produkte unterschiedlicher Hersteller (Lampen, Steckdosen, …) schalten kann. Das ist erstens cool und zweitens äußerst praktisch.

SmartGarden: Digitalisierung des Gartens

Rasenmäher / Bewässerung / Düngung

An elektronischen Geräten fallen einem im Garten als erstes Rasenmäher und Bewässerungsanlagen ein. Platzhirsche in dem Segment sind bei uns in Deutschland Gardena und Kärcher.

Im Zuge der Digitalisierung können Rasenroboter den Rasen eigenständig mähen und Bewässerungssysteme den Rasen und die Beete eigenständig bedarfsorientiert wässern, idealerweise überwachbar / steuerbar über ein Smartphone oder Tablet.

Gardena bietet sowohl einen Rasenroboter als auch ein smartes Bewässerungssystem an. Schaut man sich die Kunden-Bewertungen an, erkennt man, dass beide Systeme voller Kinderkrankheiten stecken und so eigentlich nicht marktreif sind.

Kärcher wiederum kündigt seit Jahren ein smartes Bewässerungssystem (mit Integration ins Qivicon-System) an. Wenn man die eigene Bewerbung dieses zukünftigen Produktes verfolgt, muss man feststellen, dass Kärcher das Projekt wohl nicht mehr auf den Markt bringen wird.

Die Platzhirsche Gardena und Kärcher haben die Digitalisierung massiv verpennt.

Wetterstation / Messsensoren

Im Bereich der Wetterstationen sind (nicht-internetfähige) Funksysteme seit Jahren Standard, typischerweise von Unternehmen wie TFA, Origon oder Bresser.

Wie eine moderne Wetterstation sein sollte, zeigt das erst 2011 gegründete französische Unternehmen Netatmo: Messwerte lassen sich über das Internet am Smartphone oder Tablet inkl. Messwert-Historie optisch ansprechend anzeigen. Und: Netatmo legt seine Schnittstelle (API) offen, so dass Drittanbieter problemlos auf die Netatmo-Messwerte zugreifen + diese weiterverarbeiten können. Das ganze lässt sich Netatmo natürlich vom Endkunden auch fürstlich bezahlen.

Wie es nicht geht, zeigt das 2012 gegründete deutsche Unternehmen Technoline mit seiner smarten Wetterstation MobileAlerts: zwar lassen sich die Messwerte ebenfalls über das Internet am Smartphone oder Tablet abrufen. Aber: Mobile Alerts ist ein restriktiv-geschlossenes System. Damit raubt Technoline dem System eine Menge Potenzial, gerade in Zeiten, wo es darum geht, Aktoren und Sensoren verschiedenster Unternehmen logisch verknüpfen zu können. Schaut man sich die zugehörige App an, wird darüber hinaus deutlich, dass Technoline die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat: eine ansich gute Hardware wird durch eine lausige App massiv abgewertet. Da ist der günstige Preis für diese Wetterstation auch kein wirklicher Anreiz…

Beleuchtung

Im Bereich der Gartenbeleuchtung werden seit Jahren entweder kabelgebundene oder solarbetriebene Leuchtmittel angeboten, die sich per Schalter oder Taster (funk-)steuern lassen.

Moderne Leuchtmittel sind per Funkprotokoll mit einer internetfähigen Zentrale verbunden, so dass sie sich per Smartphone oder Tablet steuern bzw. mit anderen Systemen / Komponenten (Sprachsteuerungsassistenten, Smarthome-Systeme, Bewegungsmelder, …) intelligent koppeln lassen.

Die 2 klassischen Leuchtmittel-Hersteller Osram und Philips versuchen hier mit unterschiedlichem Erfolg, den Schritt in die digitale Zukunft, ins ‚Internet der Dinge‘, mitzugehen.

Osram, 1978 als 100%-ige Siemens-Tochter gegründet, macht hier leider alles falsch, was geht. Das Lightify-System ist unausgereift + äußerst instabil. Die App ist optisch sehr bescheiden. Hier herrscht offenbar noch der Glaube, dass eine App schnell mal eben nebenbei gemacht ist. Und Osram setzt leider auf ein (quasi) geschlossenes System.

Wie man den Wandel vom klassischen Leuchtmittel-Hersteller zum Trendsetter im Bereich smarter Beleuchtungssysteme schafft, zeigt Philips mit seinem Hue-System. Hier stimmt einfach alles: ein stabiles System, eine liebevoll-gestaltete App + ein maximal offenes Konzept mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten zur Integration in andere Systeme.

Elektronik

Wie es um die Digitalisierung im Elektronik-Bereich steht, möchte ich am Beispiel Lautsprecher aufzeigen.

Lautsprecher waren bis dato per Kabel an eine Anlage mit Verstärker angeschlossen. Wer Wert auf perfekten Klang legt, hat Boxen von Bose oder Teuffel.

Das Musikverhalten hat sich die letzten Jahre im Zuge der Digitalisierung massiv verändert: man besitzt keine CDs mehr, sondern streamt Musik aus dem Internet, vorzugsweise über das Smartphone.

Das Unternehmen Sonos – 2002 im Bereich Konsumerelektromik gegründet – hat 2009 ein neues Lautsprecher-System herausgebracht. Es handelt sich um Aktivboxen, also Boxen mit integriertem Verstärker, die man direkt über das Smartphone oder Tablet kabellos mit Musik verschiedener Streaming-Dienste befeuern kann. Die Boxen sind kompakt, optisch ansprechend + haben einen tollen Klang. Das System ist beliebig um zusätzliche Boxen erweiterbar und kann dann per App auch als Multiroom-System genutzt werden. Man kann also entweder in jedem Raum etwas anderes abspielen lassen oder synchron in mehreren Räumen das selbe. Sonos ist wieder ein tolles Beispiel, wie der Markt der etablierten Hersteller durch die Digitalisierung mit ganz neuen Unternehmen aufgemischt wird. Im übrigen hat Sonos mit dem ‚Play 1‘ einen feuchtraum-ausgelegten Box im Portfolio, der von daher durchaus auch im Garten an einer regen-geschützen Stelle zum Einsatz kommen könnte.

SmartGarden: Fazit

Die Digitalisierung des Gartens ist in vollem Gange. Der Wandel fällt – wie in allen Branchen – den alteingesessenen Platzhirschen besonders schwer.

Der Wandel beginnt im Kopf. Im konkreten Fall geht es um die Bereitschaft, sich von der Besitz-Denke („Mein Produkt! Meine Daten!“) Richtung Sharing-Denke („Das Produkt als Teil von etwas Größerem“) zu bewegen. Abgeschottete, geschlossene Systeme haben sicher keine Zukunft!

Darüber hinaus geht es darum, den Schritt Richtung Digitalisierung ernsthaft anzugehen. App-Entwicklung + Daten-Schnittstelle müssen in gleicher Ernsthaftigkeit vorangetrieben werden wie die klassische Hardwareoptimierung.

So bekommen die klassischen Gartentechnik-Hersteller inzwischen mehr + mehr Konkurrenz von (neu-gegründeten) Software-Schmieden, die die Gartentechnik eher als Zukaufteil verstehen und das smarte Kundenerlebnis als ihr Kerngeschäft ansehen.


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